Man kennt das Bild: Kühe, die im Stall stehen und ihre Köpfe durch Stahlgitter stecken. Was hat es damit auf sich? Werden die Tiere hier dauerhaft fixiert? Ist dies heute in modernen Ställen Standard? Was es mit diesen „Fressgittern“ auf sich hat, erklären im Folgenden verschiedene Experten.

Fressgitter

Die meisten Fotos im Kuhstall entstehen wohl von vorne, also vom sogenannten Futtertisch aus. Deshalb kommt in den Bildern aus den Milchviehställen häufig eine Art von „Knast-Optik“ rüber. Deutlich weniger Fotografen haben Lust, sich dem Thema und den Kühen von hinten und damit über den Laufgang zu nähern. Die veränderte Perspektive würde neue Einblicke in die tatsächliche Stallsituation geben.

Vereinzelt wird aber auch grundsätzliche Kritik an den Fressgittern geäußert, die sich nicht auf die Optik beschränkt. So schreibt die Albert Schweitzer Stiftung: „Außerdem ist der Futterbereich zusätzlich mit Fressgittern versehen. Die Metallrohre können neben Druckstellen sogar Verletzungen verursachen. Die Fressgitter sollen verhindern, dass rangniedere Tiere vom Futter verdrängt werden und so für Ruhe während der Futteraufnahme sorgen. Der Hauptzweck für die Gitter ist also letztlich, dass die Tiere ausreichend fressen, um eine hohe Milchproduktion zu gewährleisten.“

In modernen Ställen ist freie Bewegung der Standard

Boxenlaufstall

Mit Blick auf Boxenlaufställe, in denen sich Milchkühe heute frei bewegen können, berichtet beispielsweise Dr. Sebastian Hoppe, Referent für Rinderhaltung in Haus Riswick, dem Versuchs- und Bildungszentrum der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen: „Im ‚Normalbetrieb‘ sind die Fressgitter offen, d. h. die Tiere können sich nach Belieben bewegen und stehen nicht in einer Fixierung. Gleichzeitig können die Tiere aber auch ruhiger fressen, weil ranghohe Tiere weniger schieben.“ Damit können die Kühe also tatsächlich ungestört Futter aufnehmen und ihren Hunger stillen.

Allerdings haben die Fressgitter, die in der Regel als sogenannte Selbstfangfressgitter ausgelegt sind, noch eine weitere Funktion. So gibt es laut Dr. Hoppe durchaus Situationen, in denen ein Tier oder eine Tiergruppe kurzfristig fixiert werden müssen:

„In Situationen, in denen ein Tier kurzfristig im Fressgitter fixiert wird, ist ein Landwirt zur Betreuung dabei, sodass keine Gefahr für die Tiere besteht. Vielmehr werden durch den ruhigen Stand der Tiere Untersuchungen, Behandlungen im Krankheitsfall oder z. B. auch die künstliche Besamung erleichtert und gleichzeitig die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier erheblich reduziert“, so Dr. Hoppe.

In Milchvieh- und Rinderställen bewährt

Die größere Ruhe im Stall, die durch ungestörtes Fressen aller Tiere und durch kurzfristige Fixierung etwa bei Behandlungen erreicht wird, bedeutet auch für die Tiere selbst deutlich weniger Stress. Die Fressgitter haben sich deshalb nach Einschätzung von Dr. Hoppe in Milchvieh- und Rinderställen bewährt. „Sie sind in moderner Ausführung auf jeden Fall Stand der Technik. Für den Einbau bieten sich heute Gitter an, die mit Puffern gegen Geräusche gedämmt sind, die einen Sicherheitsauslass unten haben und deren Halsweite individuell an die Erfordernisse der Tiere angepasst ist.“

Auch für die Landwirtinnen und Landwirte, die sich täglich um ihre Tiere kümmern, ist die deutlich stressfreiere Stallumgebung ein klares Plus. Und: Wer einmal z. B. bei der Behandlung zwischen eine ausgewachsene, nicht fixierte Milchkuh und eine Stallwand geraten ist und das Glück hatte, das halbwegs unbeschadet zu überstehen, der weiß die kurzfristige Fixierung von Kühen auf jeden Fall zu schätzen. Für die Landwirtschaftskammer NRW ist das Fazit klar: „In jedem Milchviehstall sollten Selbstfanggitter in ausreichender Zahl zur Untersuchung und Behandlung von Kühen vorgesehen werden.“

Kritischer Blick auf die Nutzung von Fressgittern bei Milchkühen

Alexander Baur, prakt. Tierarzt, Moegglingen, für den Verband Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft:

„Als Paarhufer haben Rinder ein arteigenes Verhalten zur Nahrungsaufnahme. Bei einer ständigen langsamen Vorwärtsbewegung wird das Gewicht fortwährend durch abwechselndes Vorwärtsbewegen einer Vordergliedmaße verlagert. Dabei werden permanent die Klauen gespreizt und wieder zusammenführt und das Futter aufgenommen – wie es etwa beim Weidegang der Tiere zu beobachten ist. Die Futteraufnahme an einem Futtertisch mit Fressgitter entspricht im Vergleich dazu bereits einem Anpassungsvorgang, der die anatomischen und physiologischen Voraussetzungen der Futteraufnahme erheblich einschränkt und dabei insbesondere den Bewegungsraum vor-, rück- und seitwärts begrenzt. Auch die Durchblutung des Klauenapparats und die Versorgung der Gelenke über den Gelenksknorpel mit „Gelenkschmiere“ werden jeweils durch die Bewegung der Tiere gewährleistet und durch eine länger andauernde Fixierung im Fressgitter sowie ganz besonders durch die Anbindehaltung eingeschränkt.“

„Fressgitter im Kuhstall: Überholt oder gut für Mensch und Tier?“

Prof. Dr. Jörg Hartung, Emeritus, Tierärztliche Hochschule Hannover:

„Fressgitter für Rinder sind ein typisches Element einer vom Menschen gestalteten Haltungsumwelt für Nutztiere. Sie werden bei Milchkühen vorwiegend in Stallhaltung, aber auch auf der Weide eingesetzt. Bei Stallhaltung dienen Fressgitter dazu, ein Durchtreten der Tiere in oder über den Futtertrog zu vermeiden, der ihre Stalleinheit zum Stall- und Futtergang hin abgrenzt. Sie ermöglichen den Tieren ein weitgehend ungestörtes Fressen. Ein Verdrängen durch andere, z. B. ranghöhere Herdenmitglieder wird weitgehend unterbunden. Fressgitter und Selbstfangfressgitter mit Verriegelungsmöglichkeit besitzen weiter den Vorteil, dass die Tiere für tierärztliche Untersuchungen und Behandlungen, Besamung oder auch kleinere Klauenpflegemaßnahmen im Stall fixiert werden können. Sichergestellt werden muss, dass jedem Tier mindestens ein Fressplatz zur Verfügung steht und die Gitter der Größe der Tiere und gegebenenfalls ihrer Behornung angepasst sind, denn zu niedrige Fressgitter können Scheuerstellen und Wunden am Widerrist hervorrufen.

Nachteilig aus ethologischer Sicht sind die Einschränkung der seitlichen und vertikalen Kopfbewegung sowie die unnatürliche Beinstellung bei der Futteraufnahme. Beim Weiden gehen die Kühe langsam grasend vorwärts, wobei mal das linke, mal das rechte Bein vorgestellt und das Gras von Bodenhöhe aufgenommen wird. Bei der Stallhaltung stehen die Vorderbeide parallel vor dem Futtertisch. Klauen und Gelenke werden über die ganze Dauer des Fressvorgangs ohne die wechselseitige Entlastung beim Gehen belastet. Dies kann zu Erkrankungen des Bewegungsapparates, besonders der Gelenke und Klauen, führen. Zur Minderung der Belastung sollte der Futtertisch deshalb 15 bis 20 cm höher liegen als die Standfläche der Tiere, und die Fressgitter sollten etwa 10 bis 15 % zum Futtertisch hin geneigt sein.

Weiter sollte den Tieren bei Stallhaltung stets genügend Bewegungsmöglichkeit gegeben werden, z. B. im Laufstall selbst oder durch Einrichtung eines Laufhofs im Außenklimabereich. Aus Wahlversuchen ist bekannt, dass Kühe auch am Futtertisch das ‚freie Fressen‘ bevorzugen, das aber auch bei Neuentwicklungen wie dem sogenannten ‚Schwedengitter‘ nicht völlig gewährt wird. Das Fressgitter ist somit derzeit ein notwendiges Haltungselement bei der Stallhaltung von Milchkühen, solange noch keine bessere Lösung gefunden wurde. Das Fressgitter stellt einen dieser typischen Kompromisse zwischen den Belangen des Tierhalters und den Bedürfnissen der Tiere in der modernen Nutztierhaltung dar.“

Gehört zum Kuhstall wie die Reifen zum Auto

Heike Dörhage, Landwirtin, Adelebsen:

„Den Begriff ‚Knast-Optik‘ finde ich nicht gerade passend, denn ein Fressgitter gehört zum Kuhstall wie die Reifen zum Auto. Für die Praxis ist es unerlässlich, Tiere fixieren zu können, etwa zur Bestandsuntersuchung, zur Behandlung oder eventuell auch zur Besamung. Wichtig ist, dass das Fressgitter zu der Größe des Tieres passt und mit einem Sicherheitsauslass versehen ist. Bei zu engen und falsch eingestellten Gittern kommt es zu Verletzungen und die Tiere beginnen, den Fressplatz zu meiden.

Störend ist das Geklappere der Fressgitter, das sich allerdings mit ‚Geräuschpuffern‘ aus Gummi reduzieren lässt. Als Nachteile sind die Quetschgefahr für den Menschen und die anfallenden Wartungs- und Reparaturarbeiten zu sehen – aber das Fazit bleibt: Fressgitter sind derzeit unerlässlich!“