DIALOG MILCH im Gespräch mit Thomas Stürtz, Vorstandsvorsitzender des DMK und Vorsitzender der IG Milch, zum offiziellen Start der Interessengemeinschaft.

Foto: DMK

Herr Stürtz, schon auf dem Höhepunkt der kaum überwundenen Milchpreiskrise hat das Bundeslandwirtschaftsministerium die Gründung einer „Branchenorganisation“ gefordert. In der Vorstellung des Ministeriums sollte damit ein Instrument geschaffen werden, mit dessen Hilfe Einfluss auf Überproduktion genommen werden kann.

Monatelang und vehement haben die Molkereien genau diese Forderung zurückgewiesen – allen voran DMK. Nun wurde die Interessengemeinschaft Genossenschaftliche Milchwirtschaft gegründet und ein Vertreter von DMK steht an der Spitze. Was ist der Grund für den Sinneswandel?

T. Stürtz: „Wir haben die Notwendigkeit gesehen, eine Plattform zu schaffen, bei der es vornehmlich um genossenschaftliche Belange geht. Im Vergleich zu Privatmolkereien gibt es in Genossenschaften spezielle Fragestellungen. Allein, weil die Milcherzeuger Eigentümer sind. Diese genossenschafts-spezifischen und erzeuger-bezogenen Themen wollen wir vertieft diskutieren und daraus strategische Empfehlungen entwickeln, die jedes Unternehmen weiter diskutieren und gegebenenfalls umsetzen kann. Das Format eines ‚Branchenverbandes‘ haben wir dabei im ersten Schritt nicht als erforderlich gesehen. Ich halte es aber durchaus für möglich, dass wir uns zu einer Branchenorganisation weiterentwickeln.“

Was erwartet die Politik von der „IG Milch“? Was versprechen sich die Molkereien von der „IG Milch“?

T. Stürtz: „Es geht vor allem um die Interessen der Milcherzeuger und ihrer Genossenschaften. Wir wollen in der IG Milch gemeinsame Positionen aus Sicht der Eigentümer zu politischen Themen abstimmen und gegenüber Politik und Verwaltung vertreten – sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Bühne. Denn teilweise finden wir uns als Genossenschaften in den politischen Diskussionen nicht stark genug wieder.“

„Interessengemeinschaft Milch“ ist ein schöner Name für eine Organisation, für die sich auch das Kartellamt interessieren dürfte. Was macht die Molkereien so sicher, dass die gegründete Organisation einer kartellrechtlichen Prüfung standhalten wird?

T. Stürtz: „In der Geschäftsordnung ist fest verankert, dass sich die Mitglieder der Interessengemeinschaft kartellrechtskonform zu verhalten haben. In erster Linie geht es darum, strategische Ziele, die in keinem Konflikt zum Kartellrecht stehen, zu erarbeiten.“

Wie sieht, konkret, der Arbeitsplan der „IG Milch“ für die kommenden Monate aus? Was genau sind die Themen, mit denen man sich auseinandersetzen will und in welcher Form wird man das tun?

T. Stürtz: „Im Fokus steht die Marktvolatilität (Preisschwankungen am Markt / Anm. d. Red.). Ziel ist ein modernes Risikomanagement, um die negativen Folgen der Preisschwankungen für die Milcherzeuger abzufedern. Zudem wollen wir eine Tierwohl-Strategie entwickeln. Denn bei beiden Themen laufen wir Gefahr, dass wir Vorgaben übergestülpt bekommen, die mit der Realität des Marktes nichts zu tun haben. In Kürze wird es eine AG zum Thema Tierwohl geben, an der neben dem DRV die Verantwortlichen aus den sechs Molkereien der IG Milch teilnehmen werden. Danach ist die nächste Sitzung geplant, in der Ergebnisse aus der AG dann vorgestellt und diskutiert werden. Ferner ist es geplant, sich mit den Experten der Warenterminbörse an einen Tisch zu setzen um auszuloten, inwieweit die Warenterminbörse stärker genutzt werden kann, um Risikomanagement zu betreiben.“

Skeptiker sagen die nächste Milchpreiskrise bereits für in weniger als drei Jahren voraus. Die Zyklen würden dramatisch verkürzt durch eine nur krisenbedingte, reaktive nicht aber strategische und nachhaltige Verringerung der produzierten Mengen. Wie steht die „IG Milch“ dazu?

T. Stürtz: „Wir müssen uns auf die neuen Marktbegebenheiten in offenen Märkten einstellen. Im Vordergrund sehen wir, wie bereits erwähnt, die Warenterminbörse. Aber auch ‚Back-to-back-Geschäfte‘ (Geschäfte, die nicht unmittelbar an einer Börse gehandelt werden, für die der Broker aber ein entsprechendes Börsengeschäft abschließt / Anm. d. Red.) sind denkbar. Und wir werden auch diskutieren, ob und wie sich die genossenschaftliche Lieferbeziehung weiterentwickeln lässt, um die Preisschwankungen für Milcherzeuger abzufedern. Wenngleich alle Beteiligten überzeugt sind, dass sich das Genossenschaftsmodell bewährt hat.“

DMK ist die Molkereigenossenschaft mit den aktuell größten Schwierigkeiten, den seit langem schlechtesten Auszahlungspreisen, den mit Abstand höchsten Kündigungszahlen … Wie glaubwürdig ist eine Organisation, die, wie die „IG Milch“, helfen soll, den Markt zu regulieren, wenn sich gerade dieses Unternehmen an seine Spitze stellt?

T. Stürtz: „Zuallererst ist nirgends die Rede davon, dass die IG Milch helfen soll, den Markt zu regulieren. Wie bereits erwähnt, erarbeiten wir Empfehlungen, die jede Molkerei dann individuell umsetzen kann. Die IG Milch ist eine gemeinsame Plattform von sechs Molkereien (Arla A.m.b.A, Bayerische Milchindustrie eG, Hochwald eG, Molkerei Ammerland eG, Friesland Campina U.A./ Anm. d. Red.), die alle gleichberechtigt sind. Das DMK ist ein Partner davon.“

DIALOG MILCH: Vielen Dank für das Gespräch.