Im Gespräch mit Hilmar Freiherr von Münchhausen, Deutsche Wildtier Stiftung

Hilmar Freiherr von Münchhausen, Deutsche Wildtier Stiftung

DIALOG MILCH: Die Deutsche Wildtier Stiftung möchte u. a. Deutschlands wilde Tiere schützen, ihre Lebensräume erhalten und neue Naturschutzgebiete schaffen. Welche Rolle kann oder muss aus Ihrer Sicht die Landwirtschaft dabei spielen?

Hilmar Freiherr von Münchhausen: Die Landnutzung ist der zentrale Schlüssel, um die Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft zu bewahren. Landwirte schaffen und bewahren Landschaften, die als Lebensräume für Wildtiere von Bedeutung sind. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft in hohem Maß verantwortlich für den Rückgang der Artenvielfalt. Die Ausdehnung des Ackerbaus zu Lasten des Grünlands, der Fokus auf nur wenige Kulturpflanzen, die Konzentration der Viehhaltung, die Entwässerung der Flächen und der Einsatz von Stickstoff und Agrarchemie – all dies führt in komplexen Wechselwirkungen dazu, dass vor allem die Wildtiere unter Druck sind, deren Name einen Agrarbezug hat: Feldhase, Feldhamster und Feldlerche, Wiesen- und Kornweihe …

Die Verantwortung dafür liegt jedoch nicht allein bei den Betrieben. Es ist ein Politikversagen erster Güte, dass die Landwirtschaft, die seit Jahrzehnten Milliarden transferiert bekommt, in eine Produktionsrichtung geführt wurde, die nicht die Erhaltung, sondern die Vernichtung von Natur fördert. Neben der Agrarpolitik hat auch die Energiepolitik falsche Akzente gesetzt. Im großen Stil wird Mais in Monokultur als Substrat für Biogasanlagen angebaut. „Saubere“ Energie auf Kosten der Wildtiere.

Die Konsequenz muss sein: Schluss mit den Subventionen per Gießkanne und eine gezielte Förderung von Landwirten, die ökologisch und mit Rücksicht auf Wildtiere produzieren. Naturschutz in der Agrarlandschaft darf nicht auf Randstrukturen, die meist noch im Eigentum der öffentlichen Hand sind, zurückgedrängt werden, sondern muss auf der Gesamtfläche berücksichtigt werden. Integration des Naturschutzes in die landwirtschaftlichen Betriebe muss das Ziel sein, nicht die Aufteilung unserer Landschaften in Schutz- und Schmutzgebiete!

Feldhase

DIALOG MILCH: Was kann oder sollte aus Sicht der Deutschen Wildtier Stiftung die Gesellschaft – was jeder Einzelne – tun, um Natur und natürliche Vielfalt zu erhalten und zu fördern?

Hilmar Freiherr von Münchhausen: Die Gesellschaft muss erkennen, dass die Erhaltung der Artenvielfalt heute nicht mehr allein ein Koppelprodukt der Landwirtschaft ist, sondern eine Dienstleistung. Und Dienstleistungen sind zu bezahlen und das zu angemessenen Konditionen! Landwirte müssen an der Erhaltung der Artenvielfalt endlich etwas verdienen – nur so wird Naturschutz ein Produktionsziel. Daher ist die zweite Säule der EU- Agrarpolitik (Anm. d. Red.: gezielte Förderprogramme für die nachhaltige und umweltschonende Bewirtschaftung und die ländliche Entwicklung) auszubauen. Dafür besteht im Gegensatz zu Flächenprämien ohne Gegenleistung auch gesellschaftliche Akzeptanz.

Parallel muss das Ordnungsrecht den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln und von Düngemitteln strenger regeln. Aus Sicht der Wildtiere haben wir viel zu viel Stickstoff im System – er führt zu schnell wachsenden, dichten und feuchten Beständen der Kulturpflanzen und zur Eutrophierung (Anm. d. Red.: Zunahme von Nährstoffen in einem Ökosystem) auch „magerer“ Standorte. Gerade Feldvögel brauchen aber eher trockene, warme und offene Agrarflächen, die insektenreich und als Brutplatz geeignet sind.

Auch als Verbraucher können die Menschen mitentscheiden, welche Produktionsverfahren sie fördern. Dies wird insbesondere bei Fleisch und Milch, Obst und Gemüse weiter zunehmen.

Schließlich können wir alle in unserem Umfeld etwas für die Artenvielfalt tun, indem wir unsere Gärten so gestalten, dass Singvögel und Insekten Lebensräume finden.

Kiebitz

DIALOG MILCH: Artenvielfalt findet jeder gut, solange er davon nicht negativ betroffen ist. Das gilt für den Schäfer oder Milchviehhalter, dessen Herdennachwuchs von einem Wolf gerissen wird. Das gilt gleichermaßen für den Bürger, der die Feuerwehr ruft, wenn er an seiner Terrassentür ein Wespennest entdeckt. Gibt es Grenzen, bei denen Vernunft gegen Vielfalt spricht?

Hilmar Freiherr von Münchhausen: Das Zusammenleben mit Wildtieren ist immer eine Herausforderung. Natürlich ärgern sich der Gartenbesitzer über den Maulwurf, der Hausbesitzer über den Waschbären, der Landwirt über die Wildschweine und der Waldbesitzer über den Rothirsch. Wir leben auf dichtem Raum zusammen mit all diesen Wildtieren und wir nutzen ihren Lebensraum bis in den letzten Winkel. Wir müssen respektieren, dass Wildtiere ihre Lebensbedürfnisse in einer Landschaft decken, die von uns genutzt wird. Gleichzeitig müssen wir selbstverständlich Wildtiere auch regulieren – die Lösung darf nur nicht heißen, dass wir dem Rothirsch Rotwildbezirke zuweisen, in denen er ausschließlich leben darf, oder den Wolf wieder zum Totalabschuss freizugeben. Die Balance zwischen den Ansprüchen des Menschen und den der Wildtiere zu finden, ist die Aufgabe. Und wenn uns dies gelingt – ein Leben mit Wildtieren zu organisieren, dann wird uns das auch ein Stück Lebensqualität bescheren. Denn ein Leben mit Wildtieren ist schön und bereichernd.

Porträt: © K. Becker, Deutsche Wildtier Stiftung,
die beiden anderen Aufnahmen: © Deutsche Wildtier Stiftung