Wie kann sich der Milchsektor effizienter aufstellen und zukünftige Milchpreiskrisen vermieden werden?

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DIALOG MILCH im Gespräch mit Wilhelm Brüggemeier, Vizepräsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV).

Herr Brüggemeier, Schwankungen am Milchmarkt sind unvermeidlich und sie prägen auch zukünftig die Erlöse für Milch. Wie können schwere Preiskrisen dennoch verhindert werden?

W. Brüggemeier: „Wie in den anderen Märkten auch, hat die Branche auf veränderte Basisdaten zu reagieren: Kontrakte abschließen, Milch an der Börse absichern, die ´Milchschaukel´ [1] nutzen, d.h. wechseln der Verwertungen, wechseln der nationalen und internationalen Märkte. Natürlich auch das Anpassen des Angebotes an die Nachfrage. Verantwortung trägt die gesamte Wertschöpfungskette, vom Milchbauern bis zum Lebensmitteleinzelhandel!“

In Ihrem Positionspapier, das Sie jüngst auf den Agrar-Unternehmertagen in Münster präsentiert haben, sprechen Sie von einer gemeinsamen Verantwortung entlang der gesamten Wertschöpfungskette und Änderungen in den Geschäftsbeziehungen zwischen Milcherzeugern und Molkereien bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel (LEH). Wie ist dies zu verstehen? Worin genau bestehen Ihre Forderungen?

W. Brüggemeier: „In 2015 und 2016 ist das gesamte Marktrisiko bei den Milcherzeugern abgeladen worden! Das geht gar nicht! Mit Zahlen ist belegbar, dass der LEH Milch eingekauft hat, die lediglich eine Rohmilchverwertung unterhalb 16 Cent ermöglichte! Ein Skandal! Lebensmittel sind mehr wert!“

„So dürfen Milch und Milchprodukte nicht verramscht werden! Bei der fehlenden Augenhöhe nagelt der LEH die Molkereien buchstäblich an die Wand! Vier Einkäufer mit 85 Prozent Marktanteil sortieren zwischen 120 Anbietern aus. Das ist die harte Realität. Politik und Kartellamt schauen weg, und die Key-Accounter der Molkereien fallen reihenweise um, es geht ja nur zu Lasten der Milcherzeuger und nicht zu Lasten ihres Arbeitgebers! Wer Nachhaltigkeit in den Mund nimmt, muss auch selbst nachhaltig handeln! Es zwingt niemand den LEH und die Key-Accounter Abschlüsse zu machen, die 30 Prozent unter dem Sicherheitsnetz-Niveau der EU liegen! In unseren Nachbarländern, wie beispielsweise Frankreich, Belgien etc. haben Molkereien und LEH mehr Verantwortung gezeigt! Darum brauchen wir Milchbauern wieder Augenhöhe zu unseren Milchabnehmern und Molkereien, d.h. wir müssen unsere Lieferbeziehungen neu überdenken und flexibler machen. Wer nicht wettbewerbsfähig ist, muss um seine Milchanlieferung bangen, dann nimmt er seine Key-Accounter an die Leine!“

Welche Rolle spielt die Politik?

W. Brüggemeier: „Die Politik spielt falsch! Sie redet den Milchbauern ein, sich um sie zu kümmern, aber genehmigt Fusionen im LEH gegen Beschlüsse des Kartellamtes! Sie fordert Familienbetriebe, stellt aber diese Kleinunternehmer vor schier nicht lösbare behördliche Auflagen bei Umwelt-, Tier-  und Immissionsschutz. Das wird ergänzt durch eine überbordende Dokumentationspflicht. Gleichzeitig stellt sie die Direktzahlung bei der Agrarförderung in Frage. Etwa jeder zehnte Milcherzeuger hat in NRW 2016 seinen Betrieb aufgegeben. Viele Berufskollegen sehen keine Perspektiven für ihre Zukunft mehr, auch eine Bilanz unserer föderalen Politik!“

Sie fordern zudem verbesserte Kommunikation und ein koordiniertes Zusammenspiel zwischen Molkereien und Milcherzeugern. Können Sie das konkretisieren?

W. Brüggemeier: „Die kurz- und mittelfristige Mengenplanung der Milch zwischen Milcherzeuger und Molkerei muss verbindlicher werden. Dabei darf auch der Preis für eine bestimmte Menge vereinbart werden! Darüber hinaus gibt es noch viele Möglichkeiten, Ruhe und Sicherheit in die Geschäftsbeziehung und den Markt zu bringen: Börsenabsicherung, Mehrpreissystem, Kontrakte, Sonderspezifikationen etc.“

… ist das genossenschaftliche Kernmodell mit Abnahmegarantie und Andienungspflicht ein „Auslaufmodell“?

W. Brüggemeier: „Auf keinen Fall! Aber müssen die Bindung der Genossenschaftsanteile und die Milchliefer- und Abnahmeverpflichtung gleich lang sein?“

Welches Modell wäre Ihrer Meinung nach zeitgemäß und den heutigen Marktbedingungen entsprechend effizient und zukunftsfähig?

W. Brüggemeier: „Fünf Jahre Kapitalbindung und ein Jahr Milchliefer- und Abnahmeverpflichtung sind Bindungszeiträume, die allen Beteiligten nutzen: Die Genossenschaft hat sicheres Eigenkapital, auch nach EU-Bilanzierungsregeln, und mit den schnelleren Wechselmöglichkeiten des Milchabnehmers gewinnt der Wettbewerb um den Rohstoff Milch wieder an Bedeutung, das stärkt die Milcherzeuger!“

Kommen wir zu dem Aspekt der Preisgestaltung: Genossenschaftlich organisierte Molkereien erfassen ca. 70 Prozent der in Deutschland produzierten Rohmilch. Damit prägt das genossenschaftliche „Rückvergütungsmodell“ die Preisgestaltung. Das auf genossenschaftlicher Solidarität basierende Rückvergütungsmodell gemäß durchschnittlicher Verwertung der Milch signalisiert Milcherzeugern ausgerechnet in Tiefpreisphasen eine nicht vorhandene Knappheit des Rohstoffs Milch. Ein alternatives genossenschaftliches Vergütungsmodell, das sich an der Grenzverwertung statt an der Durchschnittsverwertung der Milch orientiert, könnte einen wesentlichen Beitrag liefern. Sehen Sie das ähnlich?

W. Brüggemeier: „Ja, Genossenschaftsmolkereien haben aufgrund ihres Marktanteils eine besondere Verantwortung für das Milchauszahlungspreisniveau in Deutschland. Die ‚bestmögliche Verwertung der angelieferten Milch´ ist richtig und gut. Wenn dieser ‚genossenschaftliche Grundpfeiler´ in einem globalen Milchmarkt mit seinen Ungleichgewichten und unzugänglichen Vermarktungsketten aber hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, müssen wir etwas ändern. Auch Genossenschaften müssen aktiv handeln können, nicht nur verwerten! Wenn sie aber zu wenig oder zu viel Milch bekommen, mit oder ohne Weide oder mit oder ohne gentechnikfreiem Futter, aus Anbindung oder von selbstbestimmten Kühen… (kein Gedanke ist krumm genug, um daraus nicht doch noch eine Vermarktungsstrategie zu machen), dann erfordert das Preis- und Mengendifferenzierungen, die auch in Genossenschaften möglich sein müssen. Das ‚Was und Wie´ ist Angelegenheit der genossenschaftlichen Gremien. Aus mehr als 25 Jahren Erfahrung weiß ich, dass auch in Genossenschaften die Verwaltungen und Führungsebenen  eher unflexibel sind. Da müssen wir ran.“

… und weitere Möglichkeiten, wie etwa die Milchpreissicherung an der Warenterminbörse… Sehen sie darin ein geeignetes Instrument?

W. Brüggemeier: „Gemeinsam mit unseren Milchvermarktern sollten wir das Instrument nutzen. Es kann Marktrisiken mindern, ist aber kein Instrument zur wundersamen Milchgeldvermehrung.“

Neben den Milcherzeugern und den Molkereien, spielt auch der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) eine wichtige Rolle… Wie sieht Ihre Forderung an den LEH aus – was kann dieser zur Prävention von weiteren Milchpreiskrisen und damit gegen die Schließungen von weiteren Milchviehhöfen und einen Strukturwandel tun?

W. Brüggemeier: „In Deutschland haben wir die preiswertesten Lebensmittel und die teuersten Küchen. Anders herum wäre es mir lieber! Der Verdrängungswettbewerb im LEH beschert uns doppelt so viel Verkaufsfläche pro Bürger wie in unseren Nachbarländern. Leere Innenstädte, immer wieder Neubauten auf der Grünen Wiese und tonnenweise ‚abgelaufene´ Lebensmittel, die entsorgt werden und zur Lebensmittelverschwendung beitragen. Trotzdem verdient es sich gut im LEH! Die Margen stimmen, weil diese Schlüsselbranche in der Wertschöpfungskette durch Konzentration und Größe ihre Lieferanten bluten lässt. Das ist in Skandinavien, in Frankreich, in Italien und vielen anderen Ländern anders! Aber zwei Kundengenerationen ‚Discount‘ mit dem Slogan ‚Geiz ist geil´ hat den deutschen Verbraucher zum Schnäppchenjäger gemacht und unserem LEH das Feld bereitet. Beiden gemein ist die Doppelzüngigkeit: Wir sind bereit, für gute Lebensmittel mehr Geld auszugeben, sagt der Verbraucher, hat aber im Einkaufswagen das Sonderangebot. ‚Wir lieben Lebensmittel´, sagt der LEH, kauft und verkauft aber zu Dauer-Tiefpreisen. Und das muss sich ändern! Deshalb müssen wir Verbraucher den LEH in die Pflicht nehmen! Wer Nachhaltigkeit propagiert und einfordert, muss selbst auch nachhaltig handeln. Wir Milchbauern sind da ernsthaft unterwegs, mit einigen phantasievollen Schleifen unsere Molkereien auch. Jetzt müssen der LEH und die Verbraucher selbst liefern: Ökonomie, Ökologie und Soziales sind die drei Säulen der Nachhaltigkeit. Die Ökonomie in der Urproduktion Milch ist so schlecht, dass die soziale Verantwortung nicht erfüllt wird! Das ist eine riesige Baustelle, lieber LEH, liebe Mitbürger! Auch Ihr tragt Verantwortung für die Landwirtschaft und für den ländlichen Raum. Eure Einkaufspreise müssen dem Wert des Lebensmittels Milch entsprechen und eine nachhaltige Erzeugung dieser Milch in Deutschland ermöglichen!“

DIALOG MILCH bedankt sich für das Gespräch.

[1] Möglichkeit, flexibel auf Milchmarktschwankungen zu reagieren. Wenn etwa H-Milch schlechter läuft, können die nicht benötigten Mengen einfach „umgeleitet“ und zur Herstellung von Milchpulver und Käse verwendet werden (Anmerkung der Redaktion).