Dr. Bernd Losand, Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklenburg-Vorpommern (LVA), Institut für Tierproduktion Dummerstorf

Nachhaltige Milchviehfütterung

  1. Der mit der Haltung der Milchkühe befasste Landwirt füttert seine Kühe art- und leistungsgerecht und kann von den mit der Milchviehhaltung erzeugten Produkten auf Dauer, d.h. zukunftsfähig seinen Lebensunterhalt bestreiten und den der beteiligten Arbeitskräfte sichern. Dabei sollten sich deren Lebens- und Arbeitsverhältnisse im Mittel nicht von anderen Bevölkerungsgruppen bzw. von anderen Wirtschaftsbereichen unterscheiden.
  2. Die Kuh muss in jeder Phase ihres produktiven Lebens gesund, im Sinne von stoffwechselgesund sein, fruchtbar sein und entsprechend ihrem Leistungsvermögen Milch produzieren. Das impliziert eine artgerechte, d.h. dem Wiederkäuer vollends Genüge tuende Futterversorgung.
  3. die Kuh wird nicht oder nur begrenzt in Konkurrenz zur pflanzlichen Erzeugung von Lebensmittelrohstoffen gefüttert. Die Futtermittel sind nicht tierischen Ursprungs und werden überwiegend auf der hofeigenen (betrieblich bewirtschafteten) Fläche in leistungsgerechter Qualität und ausreichender Menge erzeugt. Von den auf der betriebseigenen Fläche zu verwertenden Ausscheidungen und den sonstigen Emissionen entsteht keine Gefährdung der Umwelt. Sie tragen zur Erhaltung der Natur bei und dienen der Erhaltung der Kulturlandschaft. Die Weidehaltung von Kühen und deren Nachzucht muss möglich sein.

Alle drei Betrachtungsebenen stehen miteinander in enger Beziehung. Jedoch gibt es in Bezug auf den Wirtschaftlichkeitsaspekt Rahmenbedingungen insbesondere im Hinblick auf den realisierbaren Verkaufswert der Produkte sowie die Kosten für die unmittelbaren Produktionsmittel, die der Milchviehhalter mit seinen Handlungen nicht oder nur sehr schwer beeinflussen bzw. berücksichtigen kann. Die tendenziell gegenüber den Kosten für die Produktionsmittel abnehmenden Erzeugerpreise führen jedoch zu einem ständigen Zwang, bei gegebenen Kosten die Produktion zu erhöhen, um auf diese Weise die Stückkosten zu verringern. Eine solcherart induzierte Produktionssteigerung ist nicht zu verwechseln mit der Möglichkeit, durch Beseitigung von Verfahrensmängeln, die Produktivität zu erhöhen.

Nachhaltige Milchviehfütterung

Nachhaltige Milchviehfütterung ist per se tiergerecht, tierartgerecht und auch leistungskonform. Was heißt das? Nachhaltig kann nur sein, wenn auch die einzelne Milchkuh gesund über viele Nutzungsjahre die von ihr erwartete Leistung bringt. Höchster Ausdruck von Gesundheit ist dabei, dass sie recht schnell nach der Geburt ihres Kalbes wieder in ihren Fruchtbarkeitszyklus einsteigt. Das heißt nicht, dass sie sofort wieder tragend werden muss. Das ist eine andere Entscheidung. Nein, es ist Ausdruck eines den Bedürfnissen der Milchkuh entsprechenden Energie- und Nährstoffwechsels, wenn der Zyklus frühzeitig, d.h. nach etwa 4 – 5 Wochen wiedereinsetzt. Im Sinne der Nachhaltigkeit der Fütterung ist dabei unerheblich, auf welchem züchterisch beeinflussten Leistungsniveau sie sich befindet. Aus Sicht des erhöhten Risikos aber, Milchkühe mit einem hohen angezüchteten Leistungsvermögen komplex ausfüttern zu können, ist der sich aus dem tendenziell abnehmenden Marktpreis für Milch ergebende betriebswirtschaftliche Zwang zu mehr Milch ungünstig für die Nachhaltigkeit der Milchviehhaltung insgesamt. Ein hohes Leistungsvermögen erhöht das Risiko, Fehler bei der Haltung und Versorgung der Kuh zu machen. Wenn ein Stoffwechsel auf dem Niveau eines ICE durch vom Menschen gemachte Fehler entgleist, hat das für die Kuh wahrscheinlich verheerende Auswirkungen. Um Nachhaltigkeit auch auf dem Gebiet der Fütterung zu beschreiben, ist es aber auch logisch, dass der Milchviehhalter und die mit der Milchproduktion befassten Menschen langfristig von dieser Profession leben können, unabhängig davon, ob mit anderen Produktionszweigen Verluste ausgeglichen werden können. Ein dritter Aspekt der Nachhaltigkeit berührt die Umweltverträglichkeit der Milchviehhaltung. Hier gehen die Meinungen wohl am weitesten auseinander. Es wäre bei dem gegenwärtigen Stand der Züchtung und dem hohen Niveau der Produktivität der Milchviehhaltung hier in Deutschland vermessen, eine baldige Rückkehr zur ausschließlichen Nutzung von Gras von dem dem Landwirt zur Verfügung stehenden ausschließlichen Grünland zu fordern. Ganze Wirtschaftsbereiche leben inzwischen davon, qualitativ hochwertige Futtermittel mit teilweise globaler Herkunft zur Verfügung zu stellen. Ein vorrangiger Aspekt der nachhaltigen Milchviehhaltung ist aber die regionale Verankerung, d.h. aus Sicht der Fütterung die vorrangige Nutzung der eigenen Futterflächen im weitesten Sinne.

Gentechnisch veränderte Futtermittel

Die Verwendung von Futtermitteln, die auf Basis von gentechnisch veränderten Pflanzen hergestellt werden, berührt den Aspekt der nachhaltigen Fütterung aus mindestens dreierlei Sicht. Verfahren der gentechnischen Veränderung von Pflanzen in der Züchtung bzw. für die Entwicklung von Pflanzenschutzsystemen sind sehr teuer und führen tendenziell zur Abhängigkeit der Anbauer dieser Pflanzen von diesen Zuchtprodukten und Systemen. Nach gegenwärtigem Stand sind Futtermittel auf der Basis von gentechnisch veränderten Pflanzen nicht aus europäischer Produktion, als weitestem Maßstab regionaler Herstellung. Die Nutzung solcher importierter Futtermittel ist aus Sicht einer optimalen Nährstoffversorgung unserer Nutztiere nicht zwingend unbegründet. Die Forderung nach regionaler Herstellung erfüllt sie aber nicht. Ein dritter, wichtiger Aspekt berührt die Sicherheit der Futtermittel. Der Milchviehhalter ist derzeit nicht in der Lage, die Sicherheit von Importfuttermitteln auf Basis von gentechnisch veränderten Pflanzen sachkundig einzuschätzen. Als Hersteller von Lebensmittelrohstoffen ist er aber unmittelbar verantwortlich für die Sicherheit der dafür verwendeten Futtermittel.

Grünlandnutzung

Unabhängig vom hohen genetischen Leistungsvermögen der überwiegend in Deutschland genutzten Rassen, das die Bedarfsdeckung an Energie und Nährstoffen auf einem hohen Niveau der Ausgewogenheit zwingend erfordert, sollte die Versorgung der Milchkühe überwiegend auf Basis selbst erzeugten Futters erfolgen. Bei aller genetischen Leistungsfähigkeit bleibt dabei die Basis das typische Wiederkäuerfutter, also überwiegend Grobfutter. Auch hat langfristig die Milchproduktion in Deutschland nur eine Perspektive, wenn die landwirtschaftlichen Flächen, die in keiner Konkurrenz zu einer anderen Nutzung stehen, für die Grobfutterproduktion verwendet werden. Wir beobachteten in den vergangenen Jahren eine Wanderung der Milcherzeugung in Richtung Norden mit ausgedehnten Grünlandstandorten, die Milcherzeugung auch in größeren Einheiten zulässt. Wenn also hohe Milchleistungen wiederkäuergerecht und wirtschaftlich abgesichert werden sollen, geht das künftig nur mit gern gefressenem, hochverdaulichem und damit energiereichem Futter von ertragreichen Grünlandbeständen, das verlustarm auf den Futtertisch gebracht wird.

Gern gefressenes Grundfutter erhöht die Futteraufnahme auch der weiteren Rationskomponenten. Neben den sensorischen Merkmalen des Futters wird das vor allem durch im frühen Vegetationsstadium geerntetes Futter erreicht. Dieses hat weniger Anteile der relativ schwer verdaulichen Faser, wird daher schneller verdaut und macht Platz für neues Futter.

Aus Untersuchungen von Piatkowski u.a. (1990) ist bekannt, dass die Futteraufnahme aus Grobfutter bei den Kühen und Jungrindern sehr stark an die Größe des Tieres (Pansenvolumen) sowie den Fasergehalt und deren Verdaulichkeit gebunden ist (Tabelle 1).

Tabelle 1:

Rohfasergehalt des Grobfutters (Gräser, Leguminosen) und Verzehr bei Kühen und Färsen der Rasse Schwarzbuntes Milchrind (nach Piatkowski u.a. 1990)

Tabelle 1: Rohfasergehalt des Grobfutters (Gräser, Leguminosen) und Verzehr bei Kühen und Färsen der Rasse Schwarzbuntes Milchrind (nach Piatkowski u.a. 1990)

Aus ihren Untersuchungen ergab sich, bezogen auf die Größe des Tieres, eine konstante Rohfaseraufnahme pro Tag für Gräser und Leguminosen, wenn diese einen gleichen Fasergehalt aufwiesen. Die Bezugnahme auf die Größe des Tieres ist insofern aus heutiger Sicht praktisch und anwendbar, da die Milchviehrassen bedeutend größer und schwerer geworden sind. Für jung geerntetes Futter mit einer höheren Verdaulichkeit ergaben sich höhere Werte und für überständiges, faserreich geerntetes Futter entsprechend niedrigere Futteraufnahmen.

Je höher der Energiegehalt des Grobfutters ist, umso besser kann es Kraftfutter ersetzen. Ein sehr gutes Instrument, die Futteraufnahme von Milchkühen abzuschätzen als Voraussetzung für die leistungsgerechte Rationsberechnung, sind die von der DLG herausgegebenen Futteraufnahmeschätzformeln, die genau diesen Zusammenhang berücksichtigen (Gruber u.a. 2004). So kann beispielsweise bei Erhöhung des Energiegehaltes im Grobfutter von 6,3 auf 6,5 MJ NEL/kg Trockenmasse in einer Ration für 35 kg Milch/Tag die von der Kuh zu fressende Menge Grobfutter um 1,2 kg erhöht angesetzt werden. Das führt zu einer Einsparung von Kraftfutter in etwa derselben Höhe. Wahrscheinlicher aber ist eine Verbesserung der verzehrbaren Gesamtmenge aus Grob- und Kraftfutter bei abnehmendem Kraftfutteranteil. So ist bei einer Steigerung des Energiegehaltes des Grobfutters von 6,3 auf 6,5 MJ NEL/kg TS eine Erhöhung des Gesamtfutterverzehrs um 0,3 kg TS/Kuh möglich, hervorgerufen durch eine Verbesserung des Grobfutterverzehrs um 0,7 kg Trockenmasse und eine Einsparung an Kraftfutter um 0,4 kg/Tag, gleichbedeutend mit der Absicherung von 1 kg mehr Milch. Einer Erhöhung des Energiegehaltes von Grobfutter durch frühere Ernte steht jedoch ein geringerer Ertrag an Trockenmasse und meist auch an Energie entgegen.

Verbesserung der Verdaulichkeit bei gleichem Fasergehalt

Die Züchtung von Futtergräsern ist neben der Ertragsstabilität und Widerstandsfähigkeit vor allem auf eine hohe Verdaulichkeit ausgerichtet, die sich bei höheren Erträgen zum gleichen Vegetationsstadium bzw. Fasergehalt von Gräsern, verglichen mit der natürlichen Grasnarbe, zeigt (Tabelle 2).

Tabelle 2:

Ertrag, Inhaltsstoffe und Verdaulichkeit von Grassilagen des 1. Aufwuchses aus Erntegut der vorhandenen und einer mit verschiedenen Weidemischungen neuangesäten Grasnarbe (nach Schmidt, Jänicke und Titze 2003)

Ertrag, Inhaltsstoffe und Verdaulichkeit von Grassilagen des 1. Aufwuchses aus Ern- tegut der vorhandenen und einer mit verschiedenen Weidemischungen neuange- säten Gras-narbe (nach Schmidt, Jänicke und Titze 2003)

Intensivierung der Grünlandnutzung erfordert Verbesserung des Gesamtmanagements

Die Schaffung ertragreicher Grünlandbestände, deren Erhaltung und regelmäßige Erneuerung ist eine Intensivierungsmaßnahme. Sie verursacht Kosten und macht das Futter nicht zwingend kostengünstiger bezogen auf die Mengeneinheit. Sie muss und wird sich positiv auf die Futteraufnahme, damit auf den Anteil der verzehrten Energie aus Grobfutter und auf die Milchleistung auswirken und damit das Betriebsergebnis verbessern. Nach Untersuchungen der Landesforschungsanstalt Mecklenburg-Vorpommern sind bei einer hohen Intensitätssteigerung auf dem Grünland Erhöhungen der Futteraufnahme um mindestens 0,9 kg Trockenmasse/Kuh und Tag oder mindestens 370 kg ECM/Kuh (ECM=Energie-korrigierte Milchmenge) und Jahr erforderlich, um die Mehrkosten der Intensivierung zu kompensieren. Das heißt, eine solche Intensivierung  des Grünlandes muss, wenn sie zum wirtschaftlichen Erfolg für den Milchviehhalter führen soll, durch eine entsprechende Ausrichtung des  gesamten Betriebsmanagements unterstützt werden.

Kostenminimierung durch Vermeidung von Futterverlusten in Menge und Qualität

Dazu zählt die Minimierung der Futterverluste vom erntebaren Ertrag bis zur gefressenen Futtermenge. In umfangreichen Untersuchungen an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (Köhler u.a. 2015) konnte festgestellt werden, dass vom Bestand auf der Wiese oder auf dem Feld bis zum Futtertrog Futterverluste in einer Höhe bis zu 30 % der Trockenmasse auftreten. Die Produktionskosten des „verlorenen“ Futters übernimmt zwangsläufig das gefressene Futter.  In der Regel wird die zur Verfügung stehende Futtermenge erstmals im gefüllten Silo erfasst. Bis zur Fertigstellung des Silos gehen aber schon etwa 9 % verloren. Die aus dem Silo für die Fütterung entnommene Menge verringert sich dann noch einmal um 11 % der erntebaren Menge. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Minimierung der nicht verwendbaren Futterreste. Nicht alle Verluste sind vermeidbar wie z.B. die Verluste während der Vergärung, die immerhin 4 % bis 10 % betragen. Insgesamt wird geschätzt, dass mit einem verbesserten Controlling des Grobfutters von der Ernte bis zum Trog die Ausnutzung des Futters um 10 % verbessert werden kann.  Schwerpunkte eines verbesserten Futtermanagements sind die Verluste durch Fehlgärungen, Verderb unter Lufteinfluss und Nachgärungen.

Im Zusammenhang mit Fehlgärungen steht oftmals eine Beeinflussung der freiwilligen Futteraufnahme wegen veränderter sensorischer Eigenschaften. Nach Südekum (2006) verringert sich z.B. die freiwillige Futteraufnahme aus Silagen mit zunehmendem Essigsäuregehalt recht drastisch. Dieser Fakt ist unabhängig von der Beurteilung des Gärerfolgs zu sehen, der bei Essigsäuregehalten von mehr als 3 % der Trockenmasse Abzüge von bis zu 70 Punkten von 100 vorsieht. Fehlgärungen verursachen darüber hinaus durch den Abbau von Kohlenhydraten und Pflanzeneiweiß Mengenverluste über die Bildung von CO2 und Wärme und gleichzeitig qualitative Einschränkungen durch die Verringerung der Verdaulichkeit und Nutzbarkeit des Pflanzeneiweißes.

Bedarfsgerecht füttern

Gemäß Justus v. Liebig, eigentlich im Zusammenhang mit dem Wachstum von Pflanzen: „Der Faktor eines Systems, der sich im Minimum befindet, begrenzt das ganze System.“ gilt auch für die Fütterung von Kühen, dass der zugeführte Nährstoff oder Fütterungsfaktor, der sich in Bezug auf den Bedarf im Minimum befindet, die Leistungsfähigkeit des biologischen Systems Kuh bestimmt. Das gilt insbesondere für die Energieversorgung. Bei anderen Fütterungsfaktoren wie der Protein- und Mineralstoffversorgung sowie der Versorgung mit strukturreichem Futter ist diese Wirkung nicht sofort offenbar. So ist der Pansen, ein dem eigentlichen Verdauungstrakt vorgeschalteter sehr großer Verdauungsraum darauf ausgelegt, schwerverdauliche, d.h. faserige Futterstoffe mikrobiell zu verdauen.  Im Ergebnis werden hier etwa 70% des Futters durch die Mikroben zersetzt, und die so „vorverdauten“ Nährstoffe für ihr eigenes Wachstum verwendet. Dieses System der mikrobiellen Vorverdauung kann sehr leistungsfähig sein, ist aber in Bezug auf das gleichzeitige Vorhandensein aller notwendigen Nährstoffe und die mikrobiellen Lebensbedingungen im Pansen auch in bestimmten Grenzen dynamisch belastbar. So kann die Kuh sich durchaus nur von magerem Heu ernähren, aber auch von sehr jungen Pflanzen, die hochverdaulich sind bis hin zu den sehr energiereichen und hochverdaulichen Samenkörnern. Am effektivsten aber „arbeiten“ die Mikroben des Pansens, wenn sie von allem etwas haben. Es bedarf  faseriger Pflanzenteile, die die Kuh zum Wiederkäuen zwingen, damit das grobe Futter ausreichend vorzuzerkleinern für den Fressangriff der Mikroben und über die wiederholte Einspeichelung des Futters die Ansäuerung des Pansens auszugleichen. Aber sie brauchen eben auch schnell abbaubare und den Mikroben für ihre Tätigkeit schnell Energie liefernde Nährstoffe wie Pflanzenzucker und Stärke aus den Samenkörnern. Insbesondere in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt des Kalbes, wenn die Kuh sehr schnell ihre tägliche Milchabgabe erhöht und sie noch gar nicht so viel fressen kann, wie sie eigentlich müsste, ist die produzierende Milchkuh eben auch auf solche energiereiche, d.h. hochverdauliche Kraftfutter angewiesen.

Die Interpretation des von Liebig propagierte „Minimumgesetzes“ erfolgt im Sinne des Leistungsgedankens oft nur einseitig. Aus Sicht der Nachhaltigkeit bleibt anzumerken, dass die anderen Nährstoffe dann oft im Überfluss geliefert werden und, um im Bilde des Fasses zu bleiben, über die niedrigste Fassdaube überlaufen, das System verlassen, überschüssig sind, ungenutzt bleiben, unter Umständen die eigene Gesundheit bis sogar die Umwelt des Tieres belasten. Sehr augenscheinlich wird das im Hinblick auf die Versorgung der Kuh und ihres Pansens mit Futterprotein. Protein, was im Pansen von den Mikroben zwar abgebaut, aber für das eigene Wachstum nicht verwendet wird, geht letztendlich als Harnstoff mit dem Harn wieder in die Umwelt. Protein, was zwar durch das Tier verdaut, aber für die Leistungsfähigkeit der Kuh nicht gebraucht wird, kann nicht vom Tier gespeichert werden und verlässt die Kuh ebenfalls als Harnstoff. Ein sogenanntes „Vorhalten“ von Futterprotein im Vergleich zur Energieversorgung ist umwelt- und Portemonnaie –unfreundlich und demzufolge nicht nachhaltig. Es ist auf eine ausgewogene Proteinversorgung zu achten. Das Optimum an Eiweiß im Futter für den Pansen mit seiner mikrobiologischen Vorverdauung ist etwa mit 12 % der Tagesration gegeben, egal ob die Kuh Milch gibt oder nicht. Mit zunehmender Milchleistung geht aber der Bedarf der Kuh an Futtereiweiß selbst über den des Pansens hinaus. Doch auch bei sehr hohen Milchleistungen sind Proteingehalte in der Tagesration von deutlich mehr als 16 % der Trockenmasse nicht  erforderlich. Ein guter Maßstab für eine effektive Nutzung des Futtereiweißes ist das Verhältnis von Milcheiweiß zu gefressenem (über die Fütterung verbrauchtem) Futtereiweiß. Das sollte bei melkenden Kühen im Herdenmittel nicht unter 30% fallen.

Ein weiterer umweltrelevanter Nährstoff ist der Phosphor.  Bei einer bedarfsgerechten Versorgung der Kühe mit Energie und Futterprotein braucht den Kühen kein zusätzlicher Phosphor über das Mineralfutter gegeben werden. Bei einer knappen Versorgung mit Eiweißfuttermitteln, wie sie aus verschiedensten Gründen bisweilen angestrebt wird, kommt es jedoch wegen deren höheren P-Gehalten zu einer möglicherweise den Bedarf unterschreitenden P-Versorgung der Kuh. Der Stoffwechsel der Kuh ist dank verschiedenster regulativer Mechanismen in der Lage damit umzugehen, ohne dass ein Schaden eintritt. Das System Kuh funktioniert dann aber aufwändiger.

Fazit

Mehr Milch aus wirtschaftseigenem Futter ist ein Gebot der nachhaltigen Milchviehfütterung und bedeutet die effektivere Nutzung der dem Betrieb zur Verfügung stehenden absoluten Futterfläche. Das heißt in erster Linie die Erhöhung der Ertragsfähigkeit und der Nutzbarkeit des Grünlandes für die Milchkuhfütterung. Hochleistende Milchkühe haben einen sehr hohen Energiebedarf, den sie nur wiederkäuergerecht decken können, wenn sie sehr hohe Futtermengen überwiegend aus dem Grobfutter aufnehmen können.  Dazu muss es hoch verdaulich sein. Hohe Energiegehalte bei hohen Erträgen lassen sich nur von intensiv bewirtschaftetem und regelmäßig erneuertem Grünland realisieren. Die dabei entstehenden höheren Bewirtschaftungskosten des Grünlandes müssen zwingend durch höhere Futteraufnahmen aus dem Grundfutter, gesündere Kühe und dadurch verbesserte Leistungsfähigkeit kompensiert werden. Dies geht nur durch ein der Intensivierung des Grünlandes angepasstes, verbessertes Management in der Futterwirtschaft, der Fütterung wie auch weitestgehend der Milchkuhhaltung. Nachhaltig ist eine an ihren Bedürfnissen als Wiederkäuer und ihrer Leistung ausgerichtete Versorgung der Milchkuh mit allen notwendigen Nährstoffen im Verhältnis zum (ausgewiesenen) Bedarf. Eine Unterversorgung mit wie auch ein Vorhalten von bestimmten  Nährstoffen ist im umfassenden Sinne nicht nachhaltig.

bearable = erträglich

equitable = gerecht

viable = lebensfähig

sustainable = aufrechterhaltend

Übersicht Einflussfaktoren (Quelle: Losand)
Dr. Bernd Losand

Dr. Bernd Losand promovierte 1986 zum Futterwert von King grass panamaischer Herkunft in Kuba. Im Jahr 1994 nimmt er seine Arbeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Tierproduktion Dummerstorf der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei (LFA) in Mecklenburg-Vorpommern auf. Seit Juli 2015 ist Losand stellvertretender Institutsleiter am Institut für Tierproduktion der LFA.