Im Gespräch mit Thomas Muchow, Stiftung Rheinische Kulturlandschaft

Thomas Muchow, Stiftung Rheinische Kulturlandschaft

DIALOG MILCH: Herr Muchow, wie bewerten Sie den Zielkonflikt zwischen Ertrag und Qualität auf der einen und Erhaltung der Biodiversität auf der anderen Seite? Gibt es diesen Zielkonflikt aus Sicht der Landwirtschaft überhaupt?

Thomas Muchow: Grundsätzlich sehe ich keinen Widerspruch, denn um nur ein Beispiel zu nennen, sei das (nach Rind und Schwein) drittwichtigste landwirtschaftliche Nutztier angeführt – die Biene. Der größte Wirtschaftswert ist dabei nicht das flüssige Gold der Honigbiene, sondern die Bestäubungsleistung der Wild- und Honigbienen. Weltweit schätzt man den Anteil der auf Fremdbestäubung angewiesenen Nahrungspflanzen auf 75 %. Sowohl der Gesamtertrag als auch die Qualität vieler Feldfrüchte wird durch die Bestäubung von Wild- und Honigbienen oder auch anderen Insekten, wie Schwebfliegen und Schmetterlingen, verbessert.

Auf dieser Basis liegt es schon im eigenen Interesse der Landwirtschaft, diese „kostenlosen Mitarbeiter“ zu erhalten und zu fördern. Leider ist es aber nicht immer so einfach. Zu dem Erhalt und der Förderung einiger Arten und Lebensräume ist eine zusätzliche Arbeitsleistung oder auch ein Verzicht auf Ertrag erforderlich. Konflikte entstehen dann, wenn dies von Landwirten per se eingefordert, aber nicht angemessen honoriert wird.

DIALOG MILCH: Die Stiftung Rheinische Kulturlandschaft verfolgt mit Blick auf den Erhalt der landwirtschaftlichen Nutzflächen – und deren Funktion für die Biodiversität – eine besondere Strategie. Ist das ein Modell, auf das die Politik im Zusammenspiel mit der Landwirtschaft in ganz Deutschland setzen sollte?

Rotschöpfige Sandbiene (Andrena haemorrhoa)

Thomas Muchow: Unser Stiftungsmodell ist für Nordrhein-Westfalen mit seinem anhaltenden Flächenverbrauch und den dadurch immer knapper werdenden Ressourcen ein wichtiges Instrument zum Erhalt landwirtschaftlicher Nutzflächen.

Dazu kooperieren wir mit Landwirten, zuweilen auch mit Forst- oder Gartenbauunternehmen, die produktionsintegrierte Kompensationsmaßnahmen auf ihren Flächen von der Herstellung wie Einsaat, Pflanzung oder Zaunbau bis zur regelmäßigen Pflege wie dem Mähen oder der Beweidung umsetzen. Mit dem Landwirt schließen wir einen Bewirtschaftervertrag. Er erhält eine Vergütung für Ertragseinbußen bzw. wird für seinen Mehraufwand entlohnt. Wir betreuen die Umsetzung fachlich und führen regelmäßig Flächenkontrollen durch, um die Qualität der Maßnahme zu gewährleisten.

So stellen wir einerseits eine besonders naturschutzfördernde Bewirtschaftung sicher und können andererseits dauerhaft landwirtschaftliche Nutzflächen als prägende Bestandteile der Kulturlandschaften erhalten.

Planung in der Fläche

DIALOG MILCH: Mit dem „Bundesweiten Ackerwildkrautprojekt“, der „Naturschutzberatung für rheinische Obstbauern“ oder dem „Summenden Rheinland“ betreut die Stiftung einen „bunten Strauß“ an Initiativen. Ist das schon genug – oder welche Herausforderungen stehen noch an?

Thomas Muchow: Ohne Herausforderungen stünde unsere Stiftung nicht da, wo wir heute sind. Wir haben mit den genannten Projekten, die nur ein Teil unseres „bunten Straußes“ sind, bisher erfreuliche Ziele erreicht. Ja, sogar ausgezeichnete und das ist offiziell. Denn die drei Projekte sind im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt als bundesweit beispielhafte Projekte zum Erhalt und Förderung der Biodiversität prämiert worden.

Eine neue Herausforderung ist unsere im Rahmen von ELER (Europäischer Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raumes) geförderte Einzelbetriebliche Beratungsdienstleistung. Besonders für Milchbauern interessant ist das Modul „Artenreiches Grünland, extensive Grünlandnutzungssysteme“. Hier werden zusammen mit unseren Beratern u.a. Möglichkeiten des Erhalts artenreichen Grünlands mittels extensiver Grünlandnutzungs- und Weidehaltungssysteme erarbeitet. Aber auch eine „Gesamtbetriebliche Naturschutzberatung“ steht zur Wahl. Hier wird u.a. über Möglichkeiten zur Erhöhung der Biodiversität im Betrieb und deren finanzielle Fördermöglichkeiten beraten.

Porträt: © Martina Goyert,
die beiden anderen Aufnahmen: © Stiftung Rheinische Kulturlandschaft