Milchvieh auf der Weide

Überlegungen zur Entlastung des Milchmarktes

Dr. Frieder Thomas fasst in diesem Beitrag die Überlegungen einer AbL-Arbeitsgruppe in Baden-Württemberg über die Senkung der Milchmenge bei gleichzeitiger Erhöhung des Grünfutteranteils in der Milchviehration zusammen.

Milch-MEKA1: Marktentlastung, Tierschutz, Umweltschutz, Klimaschutz durch ein 2. Säule-Programm

 

1MEKA: als 1992 die „Flankierenden Maßnahmen“ eingeführt wurden, hieß das entsprechende Programm in Baden-Württemberg MEKA: Marktentlastung und Kulturlandschaftserhalt. In Baden-Württemberg heißt es inzwischen FAKT, woanders KULAP, HALM, KULPA, AUKM etc.

 

Überlegungen einer AbL-Arbeitsgruppe von Milchbäuerinnen und Milchbauern aus Baden-Württemberg;

 

Grundsätzliche Überlegung

1. Wir brauchen Marktentlastung bei Milch

2. Für die Erzeugung von Qualitätsprodukten (bad.-württ. Qualitätsoffensive) brauchen wir Unterstützung bei Tierschutz, Umwelt- und Naturschutz rund um das Milchvieh

3. Baden-Württemberg hat eigene Handlungsspielräume in der 2.Säule

 

1992 waren Marktüberschüsse (Getreide- und Butterberge und Milchseen) ein aktuelles Thema. Die heute bekannten Agrarumweltmaßnahmen sind damals zunächst als „Flankierende Maßnahmen“ aus der Überlegung heraus entstanden, dass extensiveres und umweltfreundliches Wirtschaften weniger Erträge bringt.

Daraus sind dann nach und nach die vor allem flächenbezogenen Agrarumweltmaßnahmen entwickelt worden (Förderung Ökolandbau, Blühstreifen etc. pp.). Zu Beginn war auch die „Extensivierung der Tierhaltung“ (= Reduktion der GV pro Hektar) ein Teil der Programme. Draus sind die Grünlandextensivierungsprogramme entstanden. Letztlich wurden die Marktentlastungsprogramme aber zu flächenbezogenen Umweltprogrammen. Erst mit der letzten Reform gibt es in der GAK auch wieder Maßnahmen, die sich direkt auf die Tiere beziehen (Stroheinstreu und Auslauf bei Monogastriern, Weidehaltung bei Milchvieh).

Derzeit stehen sowohl der Umbau der Tierhaltung (Gutachten des wiss. Beirats des BMEL) als auch die Mengenbegrenzung bei Milch auf der Tagesordnung.

Unsere Überlegung ist: Man könnte zumindest für Wiederkäuer ein Programm entwickeln, bei dem der Verzicht auf bzw. die Reduktion von Kraftfutter honoriert wird.

Milchvieh auf der Weide (Quelle: LVN NRW)

Ziel-Mix wäre

o Mengenreduktion (Marktentlastung),

o weniger Kraftfutter (Tierschutz: die Kuh ist kein Schwein),

o stärkere Beachtung von hochwertigem Grundfutter; mehr Grünlandnutzung sowie vielfältige Fruchtfolgen durch Grundfuttererzeugung (Leguminosen) auf dem Acker (Umweltschutz, Kulturlandschaftsschutz, Klimaschutz),

o weniger Importfuttermittel (Beitrag zur Reduktion des N-Imports, Biodiversitätsschutz in den Anbauländern: Regenwald, Grünland)

o weniger heimische (und ausländische) Flächen für Kraftfutter und gleichzeitig gezielte Nutzung des Grünlands für menschliche Ernährung (Klimafreundliche Ernährung, Beitrag zur Sicherung der Welt-ernährung)

o Eine extensivere Erzeugung nimmt Druck von der Fläche weg; könnte indirekt zu einer Verlangsamung des Anstiegs der Pacht- und Bodenpreise führen

o Unterstützung von bäuerlichen low input Strategien statt high-Input Varianten.

o etc.

Unterschiedliche Maßnahmen

Da es sich um ein 2.Säule-Programm handelt, an denen man freiwillig teilnimmt, könnten die konkreten Maßnahmen ähnlich wie die Agrarumweltmaßnahmen vielfältig gestaltet werden.

o Von Reduktion des Kraftfutters (7 statt 10 dt ist auch schon ein Ansatz) bis hin zum vollständigen Verzicht auf Kraftfutter

o Weidehaltung

o Heumilch

o Hoher Anteil Wertgebender Inhaltsstoffe (Omega-3-Fettsäuren)

o etc.

Kontrolle und Parameter

Natürlich steht und fällt ein solches Programm mit der Kontrollierbarkeit.

Der Kraftfuttereinsatz selbst dürfte schwer zu kontrollieren und daher nicht direkt als Kriterium anwendbar sein. Aber vielleicht fällt ja jemandem was Praktikables ein, wenn sich mehr Menschen Gedanken machen.

Man könnte die Maßnahme auch als „zielorientiertes“ Programm gestalten: Nicht die Produktionsmethode wird kontrolliert, sondern das Ergebnis (wie die Kennartenvielfalt bei der Biodiversität): Wer nicht mehr als 6.000 Liter pro Kuh abliefert, bekommt einen Milch-MEKA-Ausgleich. Das wäre einfach zu prüfen und bewirkt eine Marktentlastung. Es bedingt nicht zwangsläufig eine kraftfutterarme Fütterung; aber der Anreiz, möglichst viel Milch aus Grundfutter zu erzeugen, wäre sehr hoch.

Es gäbe für die Betriebe die Möglichkeit, doch mehr pro Kuh zu erzeugen und die Milch an Kälber zu verfüttern. Das wäre zwar ein Umgehungstatbestand, in der Sache aber zielführend, weil tiergerecht und marktentlastend.

Darauf aufsatteln kann man dann Weidehaltung, Heumilch etc. pp. Da es ausreichend Analysemethoden gibt, könnte man auch „Maisfreie Fütterung“ als Programm anbieten.

Oder – ähnlich wie beim Nachweis von einer bestimmten Anzahl bedrohter Arten in den Grünlandpro-grammen – das Erreichen bestimmter Werte bei Omega-Fettsäuren.

Frieder Thomas, 11.1.2016

Ergänzung am 16.2.2016:

Erst nach Erstellen dieses Papiers haben wir erfahren, dass es in der Schweiz ein Förderprogramm für eine sog. „Graslandbasierte Milch und Fleischproduktion“ gibt. Also: Es geht!

Dr. Frieder Thomas

Dr. Frieder Thomas ist Herausgeber des kritischen Agrarberichts und leitet das Kasseler Institut für ländliche Entwicklung e.V. in Konstanz.